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21.09.2021
21.09.2021 21:03 Uhr

«Kommt ins Theater, wir brauchen euch»

Hanna Scheuring und Daniel Rohr aus Bubikon sind angespannt, was die Besucherzahlen betrifft. Bild: Martina Gradmann
Alle reden von der gebeutelten Gastronomie, stark betroffen sind aber auch Kunst und Kultur. Die Besucherzahlen seien alarmierend, sagen die Theaterleitenden Daniel Rohr und Hanna Scheuring. Das bestätigen auch andere Kulturveranstalter in der Region.

Das Corona-Virus hat viele Gastrobetriebe, Fitnesscenter und Kinos hart getroffen, viele leiden noch immer darunter. Stark betroffen sind aber auch die Kulturveranstalter. So musste im Sternenkeller Rüti eine Veranstaltung wegen ausbleibender Reservationen abgesagt, andere Vorstellungen verschoben oder weggelassen werden.

«Ja, die Besucherzahlen sind nicht wie wir es uns wünschen würden», sagt Caspar Fries vom Sternenkeller. Er vermutet, dass einerseits die Zertifikatspflicht, aber auch die Vorsicht viele von einem Theaterbesuch abhalte. Noch nicht dramatisch sieht es dagegen Beatrix Kläy von KulturBäretswil. «Die Vorstellung von Helga Schneider war super, allerdings fand diese noch ohne Zertifikatspflicht statt. Prognosen, wie es beim Anlass mit Simon Enzler Ende Oktober, dann mit Zertifikat aussehen wird, können wir erst Mitte Oktober machen.» Die Zertifikatspflicht mache ihr keine Angst, in den Restaurants würde es ja auch funktionieren.

Nicht ganz so optimistisch sind Theater Rigiblick-Leiter Daniel Rohr und Bernhard Theater-Leiterin Hanna Scheuring. Die Reservationen seien massiv zurückgegangen, was vielleicht mit dem Zertifikat, vielleicht aber auch mit den Gewohnheiten der Menschen zu tun habe. In ihrem Heim in Bubikon erzählen sie Zürioberland24, weshalb sie sich Sorgen machen. 

Zürioberland24: Daniel Rohr, seit Mitte September ist die Zertifikatspflicht ausgeweitet worden, auch auf die Theater. Was halten Sie davon?

Daniel Rohr: Uns geht es in erster Linie darum, unsere Gäste, Mitarbeitenden, Künstlerinnen und Künstler, die in letzter Zeit viel gelitten haben, zu schützen und möglichst viel Gastfreundschaft zu bieten. Die Bedürfnisse bei unseren Zuschauenden sind dabei ganz unterschiedlich. Die einen begrüssen das Zertifikat, die anderen wollen es nicht. Doch übers Ganze gesehen wünschen sich die meisten geschützt in ein Theater gehen zu können. Doch während unsere Vorstellungen draussen im Park sehr gut besucht waren, sind die Besucherzahlen jetzt, wo wir die Vorstellungen wieder nach drinnen verlegen, absolut alarmierend. 

Was heisst absolut alarmierend?

Das Theater Rigiblick hat eine treue Kundschaft, vor der Pandemie hatten wir eine Auslastung von 90 Prozent. Für die Vorstellung vom «Faust» haben wir bis jetzt 22 Reservationen von 200 Plätzen und für «Comedian Harmonists» 13. Das wird hoffentlich noch besser, doch langfristig halten wir das nicht durch.

Hat das mit der Zertifikatspflicht zu tun?

Nicht nur. Ich glaube, die Menschen haben sich zuhause eingerichtet und ein bisschen vergessen, abends auszugehen. Man kocht gemütlich zusammen, hat ein Netflix-Abo und macht es sich vor dem Fernseher gemütlich. Für Künstlerinnen und Künstler ist diese Situation verheerend. Wir haben deshalb beim Theater Rigiblick einen Corona-Fonds gegründet, unsere Zuschauenden aufgerufen zu spenden und damit unsere Künstler*Innen unterstützt. Das hat nicht nur zur Existenzsicherung beigetragen, sondern auch viel für den Zusammenhalt gebracht. Wir sind näher zusammengerückt.

Und wie bringt man die Sofakleber wieder dazu, ins Theater zu kommen?

Wenn ich mit den Leuten rede, dann sagen mir alle, die ein Zertifikat haben, "ja natürlich, wir kommen." Es ist also wichtig, auf unsere Situation aufmerksam zu machen. Wir haben zudem allen unseren Mitgliedern einen Brief geschrieben und sie darin gebeten, unsere Vorstellungen zu besuchen. Es ist jetzt ganz wichtig, das in die Bevölkerung zu tragen. 

Die Zertifikatspflicht ist ja noch neu. Braucht es nicht einfach ein bisschen Zeit?

Ich muss natürlich von der jetzigen Situation ausgehen. Das Theater Rigiblick lebt fast ausschliesslich vom Ticketing und hat nur eine sehr kleine Subvention. Der Ticketverkauf ist bei uns absolut existenziell, weil allein die Lohnkosten 100'000 Franken im Monat betragen. Betroffen sind ja nicht nur Künstler*innen, sondern auch mit dem Theater verbundene Branchen wie Tontechniker, Fotografen und so weiter, die ohne Zuschauer kein Einkommen mehr haben und das seit Beginn der Pandemie.

Egal, ob die Zertifikatspflicht besteht oder wieder aufgehoben wird, momentan wird uns immer ein Teil der Bevölkerung als Zuschauende fehlen. Für uns ist es wichtig, dass wir klare Vorgaben vom Bundesrat haben, an denen wir uns orientieren können. 

Spaltet das Zertifikat die Gesellschaft, wie viele jetzt behaupten?

Ja, das spüre ich. Wir bekommen natürlich auch Zuschriften von Zuschauenden, die sich nicht impfen lassen wollen und deshalb jetzt nicht mehr kommen. Doch die Mehrheit unserer Theaterbesuchenden wollen sich sicher fühlen und sicher sein, dass sie im Theater nicht angesteckt werden. Das war auch der Grund, weshalb wir freiwillig Abstände und Maskenpflicht zusätzlich zum Zertifikat eingeführt haben. 

Wie kann man die Situation verbessern?

Weitersagen und unsere Lage publik machen. Peter von Matt ist ein kluger Kopf, wenn er von Seuche redet. Pandemie tönt viel zu friedlich. 

«Diese Seuche ist in unseren Köpfen, Herzen und in unseren Schulen und lässt Kinos und Theater leer sein. »
Daniel Rohr, Schauspieler, Regisseur und Theaterleiter Rigiblick

Die Seuche ist noch da und beschäftigt uns. Nach so langer Zeit sind die Menschen gar nicht mehr trainiert auszugehen und das spüren auch die Restaurants. Die Leute sitzen zuhause, kochen gemeinsam etwas Feines und machen sich einen gemütlichen Abend. Aber die Menschen brauchen diese Anregung durch Kunst und Kultur. Wie Bildung ist auch Kultur ein wichtiger Faktor in unserer Demokratie. Wenn wir weiterhin ein differenzierte Gesellschaft bleiben wollen, dann müssen wir die kulturellen Institutionen wieder besuchen. 

Viele sagen, Kultur sei nicht lebensnotwendig.

Ich behaupte das Gegenteil. Kultur ist lebensnotwendig. Ist sie nicht mehr da, spüren wir das in einer Verrohung der Gesellschaft. Ist sie nicht mehr da, merken wir plötzlich, dass etwas fehlt. Kultur ist wie ein guter Freund oder eine gute Freundin. Erst wenn er oder sie weg ist, merken wir, dass sie fehlen.

Hanna, sind die Zahlen im Bernhard Theater auch alarmierend?

Hanna Scheuring: Wie die Zahlen sich entwickeln werden, kann ich noch nicht genau sagen. Sicher ist nur, dass diese 50 Prozent tiefer liegen als vor Corona, und das macht mir extrem Sorgen. Ich glaube, die Menschen haben vergessen, ins Theater zu gehen. Es hat wohl weniger damit zu tun, dass sie Angst haben, sondern das sie sich zuhause eingerichtet haben und erst einmal abwarten. Doch gerade jetzt ist es für uns wichtig, dass die Zuschauenden wieder kommen, weil die Unterstützungen aufhören. Wir brauchen die Leute jetzt. 

«Die Menschen haben vergessen, wie schön ein gemeinschaftliches Erlebnis in einem Theater sein kann. »
Hanna Scheuring, Schauspielerin, Regisseurin und Leiterin des Bernhard Theaters

Hat die Zertifikatspflicht damit zu tun?

Ein bisschen sicher, wobei das zwei Seiten hat. Die einen kommen nicht, weil sie keines haben, die anderen kommen, weil ihnen das Sicherheit gibt. Wenn man natürlich hört, dass nur gerade 50 Prozent geimpft sind, dann fallen schon einmal 40 Prozent der Bevölkerung weg für einen Theaterbesuch. Geimpft bedeutet ja keinen 100 prozentigen Schutz, deshalb gilt bei uns nach wie vor Maskenpflicht im Haus. 

Vielleicht ist gerade das vielen zu mühsam?

Beim öffentlichen Verkehr dachte man anfangs auch, "mein Gott, jetzt müssen wir eine Maske anziehen". Mittlerweile haben wir uns daran gewöhnt. Beim Eingang ins Kino, Konzert oder Theater muss man sein Ticket zeigen, jetzt zeigt man einfach noch das Zertifikat. Das ist kein Aufwand und sollte uns nicht davon abhalten, irgendwo hin zu gehen. Man muss jetzt ja auch in den Restaurants ein Zertifikat zeigen...

Was momentan zu sehr viel Unmut führt...

Ja, das braucht jetzt sicher ein bisschen Zeit, bis man sich daran gewöhnt hat.

Daniel Rohr: Alle, die jetzt laut von einer Spaltung der Gesellschaft reden, spalten selber die Gesellschaft...

Hanna Scheuring: Ich höre natürlich auch oft, dass man durch das Zertifikat diskriminiert werde. Ich empfinde aber das Gegenteil. Ich fühle mich diskriminiert, weil noch so viele nicht bereit sind, den Schritt zur Impfung zu machen und mitzuhelfen, diese Pandemie zu überwinden. Es gehört natürlich zu unserem politischen System, dass wir überall mitreden und uns einbringen. In der jetzigen Situation brauchen wir das Miteinander, müssen wir gemeinsam Verantwortung übernehmen. Wir Theaterleute können nur immer wieder daran erinnern, wie schön gemeinsame Erlebnisse sind und wie wichtig es ist, sich als Teil einer Gemeinschaft zu fühlen. Theater ist meiner Meinung nach das beste Rezept gegen Einsamkeit.

Martina Gradmann