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02.01.2026
02.01.2026 09:16 Uhr

Gassentierarzt versorgt tierische Seelentröster

«Wer sich ein Tier zulegt, darf auch mal auf ein Bier, ein Päckchen Zigaretten oder auf den nächsten Knall verzichten»: Gassentierarzt-Projektleiterin Mirjam Spring mit einem vierbeinigen Patienten.
«Wer sich ein Tier zulegt, darf auch mal auf ein Bier, ein Päckchen Zigaretten oder auf den nächsten Knall verzichten»: Gassentierarzt-Projektleiterin Mirjam Spring mit einem vierbeinigen Patienten. Bild: Keystone/CLAUDIO THOMA
Der Gassentierarzt des Zürcher Sozialwerks Pfarrer Sieber hat im letzten Jahr über 1300 Konsultationen durchgeführt. Mirjam Spring gründete das Angebot für mittellose Menschen vor 21 Jahren. Sie sagt: «Tiere öffnen Türen zu ganz schwierigen Menschen.»

Der Hund mit dem schwarzen Verband am rechten Hinterfuss humpelt über den Kiesplatz. Als er Mirjam Spring entdeckt, trottet er freudig auf sie zu und wedelt mit dem Schwanz. Er will begrüsst werden, denn er kennt sie bestens. Spring sagt zu Hund und Herrchen: "Einen Moment noch, ihr seid dann als Erste an der Reihe."

Zuerst das Interview. Die Temperaturen liegen an diesem Nachmittag Ende Dezember nur wenige Grad über dem Gefrierpunkt. Eine halbe Stunde, bevor die Sprechstunde auf dem Vorplatz der Wohn- und Arbeitsgemeinschaft Suneboge in Zürich beginnt, setzt sich Spring auf eine Bank und erinnert sich an die Anfänge des Angebots.

Inspiration aus Berlin

Sie sei mit dem Sozialwerk Pfarrer Sieber gross geworden, sagt die gelernte Tierarzthelferin im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Schon ihre Mutter arbeitete dort. "Bereits zu Platzspitz-Letten-Zeiten war immer klar: Wenn es ein Problem mit einem Tier gab, war mein Rat gefragt", erinnert sich Spring.

1999 reiste sie nach Berlin, um Gassenarbeitenden über die Schulter zu blicken. Dabei traf sie auf zwei Medizin-Studenten, welche die Tiere von Obdachlosen impften - für eine Studie zur Verbreitung von Parvovirose, einer hochansteckenden Infektionskrankheit bei Hunden.

Sie packte sofort mit an, trieb Impfbüchlein, Desinfektionsmittel und Maulkörbe auf. Inspiriert von diesen vier Wochen reiste Spring zurück nach Hause. Im Gepäck: Den Plan, in Zürich das Angebot eines Gassentierarzts ins Leben zu rufen.

Doch ihr Wunsch blieb zunächst unerfüllt. Sie aber war stets überzeugt: "Tiere öffnen die Türe zu ganz schwierigen Menschen." Wenn sie zuerst dem Tier helfe, gewinne sie Vertrauen. "Und dann legen die Menschen auch ihr Leben in meine Hand."

Irgendwann ergab dann doch das eine das andere. 2004 gewann die heute 54-Jährige einen Tierarzt für ihr Projekt. Mit einem Startkapital von 6000 Franken legten die beiden los. Zunächst einmal, dann zwei Mal im Monat und schliesslich wöchentlich. Das Angebot wurde schnell zum Erfolg, die Spendengelder flossen.

Sprechstunde im umgebauten Bus

Seit zwei Jahren findet das mobile Gassentierarzt-Angebot an zwei Nachmittagen pro Woche in einem umgebauten Büssli statt: montags an der Gerechtigkeitsgasse, donnerstags am Sihlquai.

Pro Woche behandeln Spring und die Tierärztin Igna Wojtyna 30 bis 35 Tiere. Unterstützung erhalten sie von freiwilligen Helfern. Mindestens 80 Prozent der Patienten sind Hunde. Die beiden Frauen impfen, verabreichen Medikamente, chippen die Tiere, entnehmen Blutproben und kastrieren sie. Operiert wird in der Praxis von Igna Wojtyna in Regensdorf.

Katzen aus der Ukraine

Seit dem Ukrainekrieg kämen vermehrt auch Menschen mit ihren Katzen vorbei, sagt Spring. Ukrainische Flüchtlinge wollten ihre Haustiere nicht im Kriegsgebiet zurücklassen. Aber auch Menschen aus dem Sexmilieu suchen den Gassentierarzt auf - mit ihren Vögeln, Katzen oder Meerschweinchen. "Mit ihren Seelentröstern", wie Spring sagt.

Das Tier sei für viele armutsbetroffene Menschen auch ein tägliches Elixier, das helfe, morgens aufzustehen. Eine Stütze im Leben, ein Lebensgefährte. Aber, so betont Spring: "Das Tier ist kein Therapeut." Wenn jemand beispielsweise in einer Depression versinke, müsse man gut hinschauen. Denn das Tier habe auch Bedürfnisse.

Chaos und viel Arbeit

Montags findet gleichzeitig auch die Futtertafel statt. Dabei wird gespendetes Tierfutter abgegeben. Gegen 80 Menschen holen wöchentlich Futter für ihre Lieblinge. "Kundenbindung", sagt sie und lacht. So sehe sie gewisse Tiere wöchentlich und bekomme gleichzeitig mit, wie es den Tieren und den Besitzern gehe.

Das Angebot solle niederschwellig sein, auch wenn dies manchmal Chaos oder viel Arbeit bedeute, sagt Spring. Zum Gassentierarzt können aber nicht alle. Voraussetzung ist ein Nachweis der Armutsbetroffenheit. Gratis ist das Angebot aber nicht. "Wer sich ein Tier zulegt, darf auch mal auf ein Bier, ein Päckchen Zigaretten oder auf den nächsten Knall verzichten."

Es ist kurz vor halb drei. Das weisse Gassentierarzt-Büssli zirkelt auf den Vorplatz und Spring öffnet die Schiebetür. Sie bringt die Futtersäcke für die Futtertafel nach draussen und schafft Platz für die Behandlungen. Die ersten Hunde kläffen bereits ungeduldig.

Keystone-SDA
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