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07.09.2022
11.09.2022 18:10 Uhr

Spannungen im öffentlichen Raum

Marco Bezjak, Stiftungspräsident der Mojuga, setzt sich für ein tolerantes Nebeneinander ein. Bild: zVg Mojuga Stiftung
In jüngster Zeit häufen sich Meldungen zu Gewaltvorfällen, in die Jugendliche involviert sind, und auch Littering- und Lärmklagen nehmen zu. Die MOJUGA Stiftung für Kinder- und Jugendförderung begleitet deshalb Jugendliche noch intensiver und appelliert gleichzeitig an Öffentlichkeit und Politik, ihren Teil zu einem friedlichen Nebeneinander beizutragen. Stiftungspräsident Marco Bezjak erklärt.

Das Nebeneinander der Generationen war aufgrund der unterschiedlichen Bedürfnisse schon immer konfliktträchtig. Nach der Pandemie beobachten Fachleute bei Jugendlichen beträchtlichen Frust und bei Erwachsenen eine zunehmende Dünnhäutigkeit. Beides dürfte das Konfliktpotenzial zusätzlich verschärfen.

Vorboten der drohenden Eskalation sind Meldungen von Störungen im öffentlichen Raum: Lärm, Littering und sogar Gewalt. Die MOJUGA Stiftung warnt davor, diese Vorfälle voreilig der Jugend in die Schuhe zu schieben. «Störungen im öffentlichen Raum werden fast schon gewohnheitsmässig Jugendlichen zugeschrieben», erklärt Stiftungspräsident Marco Bezjak. Dabei würden Erwachsene ebenfalls Lärm und Littering verursachen, was jedoch weniger wahrgenommen werde. Im Interview erklärt er seine Sicht.

Zürioberland24: Wieso ist das Verhältnis zwischen den Generationen kompliziert?

Marco Bezjak: Erwachsene wünschen sich in der Regel Ruhe und Ordnung. Dabei wirken Jugendliche störend: Sie sind gern draussen unterwegs, im Sommer auch spät abends, sie hören Musik und trinken vielleicht Alkohol. Aufgrund ihres Bedürfnisses nach Zugehörigkeit, treten sie in der Gruppe auch mal rücksichtsloser auf, als ihnen selber lieb ist.

Dass sich Erwachsene über Jugendliche im öffentlichen Raum aufregen ist nicht neu und gehört ein Stück weit zum Zusammenleben dazu. Wir wünschen uns aber, dass der Grundtenor den Jugendlichen gegenüber wertschätzender wäre. Die jugendliche Entwicklung, die alle Menschen durchlaufen, lässt sich nicht übergehen oder abkürzen. Eine gesunde Gesellschaft weiss das und zeigt sich entsprechend tolerant und unterstützend.

Warum waren die Corona-Massnahmen für die Jugendlichen so einschneidend?

In keinem anderen Alter ist der Kontakt mit Gleichaltrigen wichtiger und das Zusammenleben mit den Eltern herausfordernder. Familiäre Probleme verschärften sich während der Schulschliessungen zum Teil massiv. Der zweite Lockdown beeinträchtigte das Lebensgefühl der Jugendlichen: Aus dem Ausnahmezustand wurde Alltag.

Es war nicht absehbar, wann all das wieder möglich würde, was für Jugendliche wichtig ist: Unbeschwertes Zusammensein, Ausgang, küssen, wen man will. Auch die berufliche Zukunft erschien in einem düsteren Licht, da die Lehrstellensuche viel schwieriger wurde. In dieser Zeit kam es zu einer starken Zunahme an psychiatrischen Notfällen in dieser Altersgruppe.

Immer mehr Gemeinden installieren nun Kameras oder sprechen Begehungsverbote aus. Was taugen diese Massnahmen?

Fast alle Gemeinde im Kanton Zürich setzen seit Jahren auf Videoüberwachung. Als breit eingesetzte Prävention für Gewalt, Vandalismus oder Lärmstörungen sind Kameras aus unserer Sicht untauglich. Jugendliche werden nicht abgeschreckt, weil sie längst die Erfahrung gemacht haben, dass ihr Fehlverhalten vor der Kamera fast nie Konsequenzen nach sich zieht.

Ähnlich verhält es sich mit Platzverboten, denn letztlich kann nur die Polizei ein Platzverbot kontrollieren und ein Vergehen ahnden. Für die nötige Präsenz hat sie aber nicht genug Ressourcen. Repressive Massnahmen sind mit grossem finanziellem Aufwand und sehr geringem Ertrag verbunden.

«Als breit eingesetzte Prävention für Gewalt, Vandalismus oder Lärmstörungen sind Kameras aus unserer Sicht untauglich.»
Marco Bezjak, Stiftungsratspräsident Mojuga

Viele Gemeinden stellen Jugendhäuser zur Verfügung. Warum können sich Jugendliche nicht dort austoben?

Jugendliche sind auf den öffentlichen Raum als Entwicklungsort angewiesen. Hier treffen sie erstmals als eigenständige Personen auf andere, üben soziale Verhaltensweisen ein und integrieren sich auf diese Weise in die Gesellschaft. Dieses wichtige Verhalten führt manchmal zu Konflikten mit Erwachsenen.

Zu viele Verbote und Reglementierungen hemmen die Entwicklung von Eigenverantwortung und behindern daher einen wichtigen Lernprozess. Würden sich Erwachsene stattdessen solchen Konflikten stellen, könnten sie Jugendlichen als Beispiel in Sachen Zuhören, Argumentieren und dem Finden von Lösungen dienen.

Gibt es keine Möglichkeiten, dass Erwachsene und Jugendliche den öffentlichen Raum nutzen, ohne einander in die Quere zu kommen?

Wir wissen von Jugendlichen, dass sie sich gerne an Orten treffen würden, an denen sie nicht stören. Gleichzeitig wollen sie aber auch nicht gestört werden. Von diesen Orten gibt es aber zu wenige. Dazu kommt, dass Jugendliche sich Räume nicht zuweisen lassen; sie nehmen sie sich selbst. Sinnvoll wäre deshalb, in Wohngebieten und Zentren Brachen freizuhalten, die Jugendlichen nach Bedarf temporär zugewiesen werden können, etwa für Skateranlagen, Bauwagen als teilbegleitete Jugendräume oder andere Projekte.

Damit eine solche Nutzung funktioniert, braucht es eine kontinuierliche, fachlich geführte und behördlich beauftragte offene Jugendarbeit, die über viele Jahre wirken kann. Jugendarbeitende sind in der Lage, Veränderungen in Befindlichkeiten der Jugendlichen zu erkennen, Verhaltensweisen für Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger zu übersetzen und flexibel darauf zu reagieren.

«Jugendliche lassen sich Räume nicht zuweisen, sie nehmen sie sich selbst.»
Marco Bezjak, Stiftungsratspräsident Mojuga

Wie kann die Jugendarbeit jetzt konkret beim Zusammentreffen der Generationen Einfluss nehmen?

Genauso wie bisher: Mit den verschiedenen Anspruchsgruppen reden, auf die Bedürfnisse der anderen sensibilisieren, bei Konflikten vermitteln. Neu sind die Vorzeichen solcher Gespräche: Die Jugendlichen haben gezeigt, dass sie rücksichtsvoll sind. Darauf darf man jetzt aufmerksam machen. Wenn wir Dankbarkeit und Wertschätzung zeigen und Jugendliche in ihren Bedürfnissen ebenfalls unterstützen, dann hat dieser Moment hat das Potenzial, in eine Aufwärtsspirale zu münden.

Warum braucht es dazu so viel mehr Ressourcen?

Die erwähnte Förderung des Dialogs findet nur in jenen Gemeinden statt, die eine Offene Jugendarbeit installiert haben. Da es dazu keine gesetzliche Grundlage gibt, entscheidet jede Gemeinde selbst, ob und wie viel Jugendarbeit sie anbietet. Selbst im reichen Kanton Zürich gibt es bloss in gut zwei Dritteln der Gemeinden eine professionelle Offene Jugendarbeit und diese ist meist viel zu klein dimensioniert. Ein*e Jugendarbeiter*in mit 100 Stellenprozent kümmert sich in Durchschnitt um rund 500 und bis zu 1500 12- bis 18- Jährige. Zu einer solchen Menge vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen ist unmöglich.

Am Mittwoch, 23. November 2022, führt die MOJUGA Stiftung das Sicherheitsforum "Konflikte im öffentlichen Raum" durch. Eingeladen sind Behördenmitglieder, Verwaltungsmitarbeitende, Kommunal- und Kantonspolizeidienste, Schulsozialarbeitende und Jugendarbeitende.

Kontakt und Informationen: www.mojuga.ch

Die MOJUGA Stiftung für Kinder- und Jugendförderung setzt sich seit über 30 Jahren mit Projekten für Kinder, Jugendliche und Familien ein. Die gemeinnützige Stiftung leistet aktuell im Auftrag von 19 Gemeinden die offene Jugendarbeit. 

Marco Bezjak, Stiftungspräsident, marco.bezjak@mojuga.ch, mojuga.ch

Mojuga Stiftung / Martina Gradmann