Home Region Sport Magazin In-/Ausland Agenda
Rüti ZH
25.07.2022
25.07.2022 15:58 Uhr

Droht ein Ärztemangel in der Region?

Die Rütner Arztpraxis weiss nicht, wie sie die nächste Corona-Welle bewältigen soll. (Archivbild) Bild: Obersee-Nachrichten
Eine Arztpraxis in Rüti ZH ist aufgrund von behördlichen, sehr stark regulierten Einschränkungen in Bezug auf die Anstellung von Fach- und Assistenzärzten von einem einschlägigen Ärztemangel betroffen.

Derzeit beklagt die Praxis am Bahnhof in Rüti einen akuten Ärztemangel. Schuld daran seien die seit 1. Januar 2022 geltenden Einschränkungen, wenn es um die Anstellung von Fach- und Assistenzärzten geht. «Die Voraussetzungen wurden derart drastisch verschärft, dass es unmöglich ist, geeignetes Personal zu finden», sagt Karin Neuhaus, Medienverantwortliche der Praxis am Bahnhof.

Die Folge davon sei, dass Patienten abgewiesen, die Öffnungszeiten angepasst und Praxen geschlossen werden müssen. «Ärzte leiden unter der Mehr- respektive Überbelastung und landen im Burnout, was den Mangel verschärft», so die Praxis weiter.

Auch wüssten sie nicht, wie sie die sich anbahnende Corona-Welle bewältigen soll. «Die Regierung in Bern scheint das nicht zu interessieren. Den kantonalen Behörden sind die Hände gebunden.»

Anstellung nur mit 3-jähriger Weiterbildung

Mit der neuen Regelung dürfen Fachärzte nur angestellt werden, wenn diese eine dreijährige Weiterbildung in der Schweiz auf ihrem Fachgebiet absolviert haben. Neu hinzu komme die Bestimmung, dass Assistenzärzte und Assistenzärztinnen ausschliesslich zur effektiven Weiterbildung und nur genau für die bewilligte Zeit in der entsprechenden Arztpraxis arbeiten dürfen.

Fachwissen bleibt ungenutzt

Assistenzärzte, die aus einem meist formalistischen Grund keinen Facharzt erreichen konnten, dürfen ebenso nicht angestellt werden, so Neuhaus. «Genau das sind aber oft sehr erfahrene Ärzte und Ärztinnen, die am Wochenende oder abends gerne praktisch in einer Arztpraxis arbeiten würden, weil sie tagsüber wissenschaftlich tätig sind», führt Karin Neuhaus weiter aus. Unter den jetzigen Bestimmungen sei dies nicht mehr möglich. Ein enormes Fachwissen bleibe so komplett ungenutzt.

Die Praxis am Bahnhof habe sogar einen Fall gehabt, bei dem eine Ärztin Arbeitslosengeld beziehen musste, obwohl sie gerne gearbeitet hätte, jedoch nicht angestellt werden durfte.

Mit Bagatellen ins Spital

Die Praxis am Bahnhof ist laut eigenen Angaben eine grosse Arztpraxis mit einem hohen Aufkommen an Notfall-Patienten sowie Walk-Ins. Sie ist an 365 Tagen im Jahr von 8 – 20 Uhr geöffnet.

Der normale Praxisbetrieb zusammen mit dem Notfall und den Walk-In-Patienten setze voraus, dass genügend Fachpersonal sowie Assistenzärzte / Assistenzärztinnen in der Praxis in Rüti sowie den Partnerpraxen beschäftigt sind. «Aufgrund des Ärztemangels ist die Praxis am Bahnhof gezwungen, Patienten, insbesondere am Abend und am Wochenende, abzuweisen.» Als einzige Möglichkeit bleibe diesen dann der Gang zum Spital. «Nebst dem, dass dies die Gesundheitskosten in die Höhe treibt, sind Spitäler selber ebenfalls überfordert und bitten Patienten, sich zuerst bei ihrem Hausarzt bzw. ihrer Hausärztin vorzustellen. Ein Teufelskreis», sagt Neuhaus ernst.

Patienten zurecht verärgert

Pro Tag verzeichne die Praxis am Bahnhof in Rüti ungefähr 20 Walk-Ins und 20 bis 40 reguläre Tagespatientinnen und -Patienten. Hinzu kommen Patienten mit vorgebuchten Terminen.

«Um 8.30 Uhr spätestens ist das Kontingent an täglich freien Terminen ausgeschöpft», so Neuhaus. Diese seien zudem so dicht gebucht, dass zusätzliche Abklärungen bei Patienten kaum möglich seien. Patienten mit grösseren Abklärungen müssen auf einen späteren Zeitpunkt vertröstet werden, wobei das "später" in nicht absehbarer Zeit sei.

Das Abweisen von Tages- sowie Walk-In-Patienten zu Gunsten der Notfallpatienten sowie der Umstand, dass pro Tag zu wenige Termine zur Verfügung stehen, führe seitens Patienten zu einem grossen Unmut. Dieser mache sich durch Beschwerden und auch aggressives Verhalten bemerkbar. Informationstafeln und Hinweise auf der Webseite sollen den Ärger bei den Patienten abfedern und auf den akuten Ärztemangel und zu wenig Kapazität aufmerksam machen.

365-Tage-Betrieb könnte bald Geschichte sein

Der Ärztemangel führe nebst der bereits erfolgten tageweisen Schliessung der Partnerpraxen sowie der kompletten Schliessung der Praxis in Winterthur während der Sommerferien dazu, dass die Praxis am Bahnhof in Rüti wohl bald auch die grosszügigen Öffnungszeiten einschränken und den Wochenenddienst reduzieren müsse.

Hausbesuche seien bereits jetzt fast nicht mehr möglich und dürften in Zukunft kaum mehr realisierbar sein. «Es wird darauf hinauslaufen, dass das eigentlich gut funktionierende Gesundheitssystem in Kürze zerstört ist, sollte sich nichts ändern seitens der Behörden.»

Eine Bewilligung braucht mehrere Monate

Hinzu komme, dass die für sich schon sehr regulierten Bewilligungen für Assistenzärzte momentan zwei bis drei Monate benötigten, bis sie erteilt seien. «Das ist ein unmöglicher Zustand. Assistenzärzte brauchen Arbeit und Lohn und können nicht derart lange auf eine Bewilligung warten.»

Erstaunlicherweise dauere dieses Bewilligungsverfahren in den Spitäler gerade Mal eine Woche von der Bewerbung bis zum Arbeitsbeginn. «Spitäler werden offensichtlich massiv bevorzugt und die Arztpraxen haben das Nachsehen und müssen auf qualifizierte Assistenzärzte und Assistenzärztinnen verzichten.»

Die aktuelle Situation führe zur Unzufriedenheit in der Belegschaft und zu Burnout. Bild: AdobeStock

Von Überforderung bis zum Burnout

Durch den Mangel an Fachkräften komme es in den Arztpraxen viel öfter zu Stresssymptomen bei den Ärztinnen und Ärzten. «Sie sind überbelastet, häufig krank und haben zum Teil mit Burnout zu kämpfen.»

Die Praxis am Bahnhof-Gruppe sei momentan gezwungen, die von allen Ärzten sehr geschätzten Arbeitsbedingungen anzupassen auf eine erhöhte Stundenwoche (neu 50 Stunden anstatt 45 Stunden) und weniger Ferien. «Anders kann das enorme Patientenaufkommen nicht auf die wenigen Ärzte verteilt werden.»

Kurzfristig möge das eine Lösung sein, langfristig führe es zu weiterer Unzufriedenheit seitens Ärzteschaft. «Viele, vor allem junge Ärzte, denken aktuell über einen Berufswechsel in die Industrie oder eine ganz andere Disziplin nach.»

Bewältigung der nächsten Corona-Welle ist ungewiss

Die nächste Corona-Welle bahnt sich an. Momentan wisse die Praxis am Bahnhof in Rüti nicht, wie sie diese bewältigen soll. «Bisher behandelte die Praxis sehr viele ambulante Corona-Patienten, vor allem dank Extraanstellungen von Ärzten.» Mit der Corona-Zone, der Teststrasse und der Impfstrassen sowie weiteren Testzentren habe die Praxis am Bahnhof einen grossen Beitrag in der Bekämpfung der Pandemie geleistet. «Dies wird unter den aktuellen Umständen kaum mehr möglich sein. Es bleibt zu hoffen, dass die Gesundheitspolitik schnellstmöglich reagiert, damit sich die Situation umgehend verbessert.»

Praxis am Bahnhof/Zürioberland24