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Gossau ZH
30.09.2022
30.09.2022 16:01 Uhr

«Mit diesen geplanten Feuchtgebieten ist der Rahmen definitiv gesprengt»

Landwirte der IG Pro Kulturland wehren sich gegen geplante Feuchtgebiete. Bild: IG Pro Kulturland
Der Kanton Zürich will allein auf dem Gemeindegebiet von Gossau ZH 100 Hektaren Land zu Nasswiesen machen. Jetzt haben sich betroffene Landwirte haben zur IG Pro Kulturland zusammengeschlossen, um gegen dagegen vorzugehen. Vorstandsmitglied Elmar Hüppi, Vorsitzender der IG und Landwirt in Herschmettlen, erklärt, worum es geht.

Zürioberland24: Der Kanton Zürich will 100 Hektaren Land im Gemeindegebiet Gossau ZH zu Feuchtgebieten machen um die Biodiversität zu fördern. Sie wehren sich dagegen. Weshalb?

Elmar Hüppi, Vorstand IG Pro Kulturland: Weil sich der Kanton einfach über unser Eigentum hinweg setzt. Er vermindert den Wert dieser Flächen und hält es nicht mal für nötig, die Eigentümer zu informieren. Selbst auf mehrmaliges Bitten um genauere Infos ist der Kanton nicht bereit, die Eigentümer direkt zu Informieren.

Gestern hat Birdlife Schweiz bekannt gegeben, dass es den Vögeln in der Schweiz schlecht geht. Besonders stark gefährdet seien die Arten des Agrarlandes und der Feuchtgebiete. Hat der Kanton da nicht eine Verantwortung zu handeln?

Laut UNO steht die Welt am Rande einer Hungerkrise. Hat der Kanton und die Schweiz da nicht auch eine Verantwortung? Darf die Schweiz als reiches Land seine besten Ackerflächen stilllegen, sich eine heile Biodiversitätswelt schaffen und gleichzeitig mit dem starken Franken den Drittweltländern die Nahrungsmittel vor der Nase weg kaufen, obwohl wir selber Lebensmittel produzieren könnten? Seit Anfang August sind unsere selber produzierten Lebensmittel aufgegessen, bis Ende Jahr leben wir von den Importen.

«Seit Anfang August 2022 sind unsere selbst produzierten Lebensmittel aufgegessen, bis Ende Jahr leben wir von den Importen!»
Elmar Hüppi, Vorstand IG Pro Kulturland

Letztendlich ist es eine Interessenabwägung, welche die Schweiz und auch jeder Bürger machen muss. Wohin die Abhängigkeit führt, sehen wir aktuell beim Strom.

Im übrigen hat die Landwirtschaft gerade diesen Sommer eine 5 Hektar grosse Ackerparzelle in Gossau ZH Birdlife zur Verfügung gestellt. Auf dieser Fläche sollten die Kibitze brüten. Hierzu wurden Drainageleitungen verschlossen, das Feld wurde sogar bewässert. Die Kibitze sind zwar gekommen, der Bruterfolg hat sich allerdings nicht eingestellt. Sie sehen, die Bauern sind sehr wohl bereit, für die Biodiversität Hand zu bieten, aber in einem vernünftigen Rahmen. Mit diesen geplanten Feuchtgebieten ist dieser Rahmen aber definitiv gesprengt.

Landwirte aus der Region haben sich zur IG Pro Kulturland zusammengeschlossen. Was sind Ihre Ziele?

Als erstes fordern wir, dass das ALN (Amt für Landwirtschaft und Natur) uns endlich direkt informiert. Bis jetzt sind wir nur auf verschlossene Türen gestossen. Man will zwar unsere Flächen, aber Fragen stellen dürfen wir nicht. Im Weiteren basieren diese PPF-Flächen auf dem Naturschutzkonzept aus dem Jahre 1995. Dieses hat nun 20 Jahre in der Schublade gelegen! In dieser Zeit hat sich vieles geändert.

«Die Landwirtschaft ist viel ökologischer geworden. Wir machen Gründüngungen, Buntbrachen und Oekowiesen.»
Elmar Hüppi, Vorstand IG Pro Kulturland

Die Landwirtschaft ist viel ökologischer geworden, wir machen Gründüngungen, Buntbrachen und Oekowiesen. Wir haben Obstbäume und Hecken gepflanzt. Im Kanton Zürich werden 15 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche extensiv bewirtschaftet; mehr als doppelt so viel, wie vom Bund verlangt. All dies kann in dem Bericht aus dem Jahr 1995 gar nicht berücksichtigt worden sein.

Wie waren die bisherigen Reaktionen von Landwirten und der Bevölkerung?

Wir hatten über 150 Personen an der Gründungsversammlung. Aktuell sind bereits mehr als 180 Personen Mitglied der IG pro Kulturland geworden. Die Resonanz ist riesig! Viele Bauern sind froh, dass jemand den Widerstand organisiert. Immerhin geht es um 1300 Hektaren bestes Ackerland. Das ergibt über 30 Vollerwerbsbetriebe, die verloren gehen würden.

Die Bauern sind gereizt, die Stimmung ist kämpferisch. Auch habe ich viele Reaktionen aus der übrigen Bevölkerung, welche ebenfalls kein Verständnis für das Ansinnen des Kantons haben.

Auf dem Gemeindegebiet von Gossau ZH wären 100 Hektaren Landwirtschaftsland betroffen. Was bedeutet das für Sie persönlich?

Bei uns ist ein 5 Hektar grosses Feld betroffen. Das entspricht einem Sechstel unserer landwirtschaftliche Nutzfläche. Das bedroht unsere Existenz massiv.

«Bei uns ist 1/6 unserer landwirtschaftliche Nutzfläche betroffen. Das bedroht unsere Existenz massiv.»
Elmar Hüppi, Vorstand IG Pro Kulturland

Sie haben mit dem Bauernverband einen starken Partner im Rücken. Vom wem erwarten Sie sich zusätzlich Unterstützung?

Wir werden vom ZBV (Zürcher Bauernverband) bei den administrativen Arbeiten unterstützt. Ansonsten werden wir von niemandem unterstützt. Wir wollen das auch nicht. Wir sind unabhängig und niemandem Rechenschaft schuldig. Das ganze Führungsteam arbeitet bis heute ehrenamtlich, ohne jegliche Bezahlung.

Martina Gradmann